»Heldengedenken«. Ein totes »Volk« beschwört seine Gespenster in der Sprache

Sprache und ihr Verhältnis zu »Kultureller Identität«

Ein Beitrag des Projekts différⒶnce muc in Die Lifestyleanarchist*in Nr. 1, 2017.

A Language in which one can write a »Horst Wessel Lied« is ready to give hell a native tongue.

Steiner, George. »The Hollow Miracle«. Language and Silence. Essays in Language, Literature and the Inhuman. New Haven/London: Yale University Press, 1998. S. 99.

1 Einleitung

»Der Eichmann-Prozeß hat für einen Moment den Vorhang gelüftet, der die dunklere Seite zivilisierter Menschen zu verdecken pflegt,« [1] schreibt Norbert Elias und deutet damit bereits an, dass auch der Holocaust, jene grauenerregende Epoche der deutschen Vergangenheit, die unter anderem als »Zivilisationsbruch« [2] beschrieben wurde, nicht losgelöst von der Zivilisation, nicht als unerklärbare Ausnahme, sondern als ein eingeschriebener Bestandteil der Zivilisation zu betrachten ist. Ähnlich, »als verborgene Matrix, als nómos des Politischen Raumes, in dem wir auch heute noch leben,« [3] betrachtet auch Agamben die Lager als eingeschrieben in unsere Gesellschaft.

Eingeschrieben in unsere Sprache, also das Ausdrucksmittel »zivilisierter« Menschen schlechthin, haben sich bis heute auch jene Termini, die Zeugnis von den menschenfeindlichen Ressentiments des Nationalsozialismus ablegen. Es ist nicht nur die LTI, die Victor Kelmperer anhand seiner Notizbücher erarbeitet hat, und die bis heute in der Alltagssprache vorkommt, sondern es sind auch Redewendungen wie »Leben und leben lassen« oder »Reden ist Silber, schweigen ist Gold«, die die Deutschen an den Eingängen der Barracken in Auschwitz angebracht hatten, [4] und die heute gar Einzug in das Parteiprogramm der CSU [5] finden konnten – und das mit beinahe ebenso zynischen Bedeutungsebenen –, die die deutsche Sprache weiterhin beherbergt, als wäre nichts geschehen.

Ist es da ein Wunder, dass die deutschen Bürger*innen, Sprecher*innen eben jener deutschen Sprache, statt eines entschlossenen »Nie Wieder!« mit breiter Zustimmung reagieren, wenn extrem Rechte auch heute wieder eine »Festung Europa« fordern? [6]

Wenn aber die vom Nationalsozialismus geprägten Begriffe in der deutschen Sprache nicht nur weiterhin vorkommen, sondern auch als Propagandabegriffe einer erneut erstarkenden rechten Bewegung verwendet werden können und dabei, zumindest in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung, geradezu positiven Anklang finden, bedeutet das doch auch, dass es, zumindest im Hinblick auf die deutsche Sprache, womöglich aber auch im Hinblick auf andere Aspekte einer »deutschen Kultur«, nicht gelungen ist, alles dafür zu tun, dass sich die Shoa nicht wiederholt. [7]

Ist es die deutsche Sprache, die jene »Kulturelle Identität« stiftet, die jenen Wunsch nach einer »totalen Erneuerung auf allen Ebenen des völkischen Lebens« [8] aufkommen lässt? Ist es der heisere, fast metallene Klang jener Sprache, in der zusammengerottete Mobs »Merkel muss weg« oder »Abschieben« [9] brüllen, die die vollständige Subsumtion des Individuums unter einen phantasievoll heraufbeschworenen »Volkskörper« verlangt? Ist es die »Deutsche Sprache«, die die Gespenster des einst für tot erklärten, womöglich aber nur unter dem Einfluss des »Wirtschaftswunders« in Vergessenheit geratenen, »Volkes«, beschwört?

Während Rechtspopulist*innen unermüdlich die Beschwörungsformeln der LTI wiederholen, steigen die Gespenster auf und ganz leise lässt sich bereits eine neue Variation des Horst Wessel Liedes vernehmen.

Ziel dieser Arbeit ist es, die Rolle der Sprache bei der Bildung von »Kulturellen Identitäten« unter besonderer Berücksichtigung des gegenwärtigen Rechtsrucks in ganz Europa, mit einem besonderen Augenmerk auf Deutschland, und vor dem Hintergrund seiner nationalsozialistischen Vergangenheit und der daraus entstandenen Shoa, zu untersuchen. Leitfrage dieser Voruntersuchung soll also sein, inwiefern eine bestimmte Sprache geeignet ist, jene auf Ausgrenzung, ja auf Marginalisierung »des Anderen« abzielenden, »Kulturelle Identität« wiederzuerwecken, ja inwiefern eine solche »Kulturelle Identität« überhaupt nur durch eine Sprache, die mehr ist, als ein syntaktisches Vermittlungssystem, heraufbeschworen werden kann.

1.1 Warum ist die Sprache Ausgangspunkt dieser Untersuchung?

Dass politische und weltanschauliche Ansichten im allgemeinen nicht unabhängig von einer entsprechenden (Sub-)kultur vermittelt und getragen werden, ist durchaus keine neue Erkenntnis. Nicht von ungefähr zeichnete sich Kunst und Kultur in diversen totalen Herrschaftsverhältnissen durch eine besondere Zensur und Instrumentalisierung aus.

Auch in der Weltanschauung der sogenannten Neuen Rechten spielen Sprache und Kultur eine maßgebliche Rolle. Mit dem Begriff »Metapolitik« bezeichnen die Anhänger*innen dieser Ideologie einen Eingriff in den gesellschaftlichen Diskurs mittels »kulturpolitischer« Botschaften. [10] Sie sehen sich dabei selbst als »patriotische Gegenstimme zum allgemeinen Mainstream« [11] und hoffen, mittels der Etablierung und Neubesetzung von Begriffen wie »Reconquista«, »Festung Europa«, »der große Austausch«, usw. durch – selbst so bezeichnete – »ästhetische Interventionen«, [12] bei denen es sich meist um öffentlichkeitswirksame Aktionen wie »Flashmobs«/Improvisationstheater, Transparent/Aufkleber-Installationen und symbolische Besetzungen entsprechender Orte handelt, den gesellschaftlichen Diskurs weiter nach rechts zu verschieben. Doch nicht nur die Neue Rechte bedient sich ganz bewusst sprachlicher Ausdrucksmittel, um in der Öffentlichkeit für ihre Ziele zu werben. Auch Anhänger*innen (neo)nationalsozialistischer Weltanschauungen bedienen sich einer – oft von Chiffren durchzogenen – Sprache, die nicht nur auf eine Verherrlichung des Nationalsozialismus abzielt, sondern auch dazu dienen soll, die eigenen Ideen geeignet weiterzuvermitteln.

Die extreme Rechte setzt Sprache also ganz bewusst dazu ein, um ihre Ideologie zu verbreiten, aber bedeutet das auch, dass diese Ideologie erst durch Sprache entsteht, der Sprache also ein Beschwörungscharakter innewohnt? Bernhard Giesen und Kay Junge stellen in ihrem Essay »Vom Patriotismus zum Nationalismus« fest: »Die Behauptung der eigenen Identität und Geschichte wird nicht selten zur schwierigen Aufgabe. Kollektive Identitäten müssen erst freigelegt, kenntlich gemacht und symbolisch ›ausgeflaggt‹ werden – nur so können sie Anerkennung fordern und sich gegenüber Alternativen durchsetzen.« [13] Die extreme Rechte nutzt die ihr eigene Sprache also dazu, eine kollektive Identität symbolisch auszuflaggen, also gewissermaßen zu beschwören. Will mensch dieses Beschwörungsritual verstehen, müssen nicht nur die resultierenden, kollektiven Identitäten untersucht werden, sondern auch das Beschwörungsritual selbst. Aus diesem Grund wird hier eine Analyse ausgehend von der Sprache der extremen Rechten vorgelegt.

Neben der Sprache flaggt die extreme Rechte ihre kollektive Identität auch in anderen Schriftsystemen, wie beispielsweise in Form von Bildern und Videos, aber auch in Form von Musik und meist traditionsreichen Ritualen wie Tänzen und Fackelmärschen aus. [14] Dies sind neben der Sprache ebenfalls bedeutende Beschwörungsrituale, die in dieser Arbeit jedoch aus Platzgründen vernachlässigt werden müssen. In Anmerkungen und Rendbemerkungen wird jedoch gelegentlich auch auf besonders relevante Wechselwirkungen zwischen Sprache und Beschwörungsritualen in anderen Schriftsystemen verwiesen.

1.2 Methode

In dieser Arbeit soll herausgearbeitet werden, wie eine ganz bestimmte Sprache, der sich übergreifend fast alle Anhänger*innen der unterschiedlichen extrem rechten Strömungen bedienen und die zunehmend auch im gesellschaftlichen Diskurs verankert ist, dazu geeignet ist, extrem rechte Denkmuster, die zum größten Teil aus der Zeit des Nationalsozialismus stammen, zu tragen. Dazu ist es erforderlich, zahlreiche nationalsozialistische, neurechte, rechtspopulistische und andere extrem rechte Text-, Bild- und Videoquellen auf Sprache und Inhalt hin zu untersuchen, um sprachliche Überschneidungen, Abgrenzungen und Einflüsse sichtbar zu machen. Selbstverständlich kann dabei nur eine verhältnismäßig geringe Auswahl an Quellen berücksichtigt werden. Um einen möglichst repräsentativen Querschnitt über die diversen, extrem rechten Strömungen abzubilden, wurde hier versucht, jeweils Quellen des historischen Nationalsozialismus in Bezug zu Quellen aus dem klassischen Neonazi-Spektrum, der Neuen Rechten, sowie rechtspopulistischer Strömungen zu setzen, um gemeinsame Denkmuster, sowie (bewusst gewählte) Anknüpfungspunkte festzustellen.

2 Beschwörungsformeln

2.1 Totengesänge

Wunsiedel. 2016. »Heldengedenken«! [15] Rund 300 Neonazis aus dem Umfeld der Kleinstpartei »Der III. Weg« marschieren mit Fackeln und Fahnen durch die Kleinstadt. Angeführt unter anderem von Martin Wiese, [16] der ein Birkenkreuz mit einem darauf befestigten Stahlhelm mit sich trägt, bewegt sich die selbsternannte »Neonazi-Elite« Deutschlands durch die Stadt und gedenkt ihren im 2. Weltkrieg gefallenen »Helden« der Wehrmacht, der Luftwaffe, der Marine, der Jugendverbände und denjenigen »Kameraden, die nach dem Ende des Krieges durch alliierte Mörderhand getötet« worden seien. [17] Die Ästhetik dieses Fackelzuges ist unverwechselbar. Auch wenn die verfassungsfeindlichen Symbole der NSDAP, der SS und des Nationalsozialismus im Allgemeinen nicht, oder nur vereinzelt, offen getragen werden und stattdessen mit Fahnen, Bekleidung und Transparenten des »III. Wegs« vertauscht wurden, bleibt kein Zweifel daran, dass die hier anwesenden Personen ganz bewusst jene grauenerregende Epoche der deutschen Geschichte verkörpern, deren Reinkarnation zu verhindern Adorno als oberstes Gebot allen politischen Unterrichts bestimmte. [18] Das unterstreicht auch das im Anschluss an diesen Fackelzug veröffentlichte Video des »III. Wegs«. [19] Darin wird fast die gesamte zweite Strophe des 1939 im Franz-Eher-Verlag, dem Zentralverlag der NSDAP, erschienenen Gedichts »Sie leben!« von Kurt Langner zitiert:

Sie leben // In jeder Fahne, der wir folgten, // Sie leben // In jedem Stahl, in jeder Faust. // Sie leben // In allen Stürmen, die uns grau umwolkten, // Die peitschend über Deutschland hingebraust. // Sie leben // In der Mutter stillen Tränen, // Sie leben // In der Jugend heißem Dank, // Sie leben // Im Glauben, Kämpfen, Hoffen und im Sehnen, // Im deutschen Herzen als Fanfarenklang […] [20]

»Tot sind nur jene, die vergessen werden.« [21] Das ist nicht nur der Untertitel dieses Gedenkmarschs, ein Satz, den die Mitglieder des »III. Wegs« und viele andere Neonazis nie müde werden, zu wiederholen, sondern eben auch ein performativer Akt. Erinnerungskultur, »Heldengedenken«, kann eben auch die Funktion eines Beschwörungsrituals erfüllen. Wenn die gefallenen »Helden« des Nationalsozialismus in den Fahnen, die heute Neonazis tragen, weiterleben, wenn sie »[i]m deutschen Herzen« [22] fortbestehen, lebt auch der Nationalsozialismus weiter. Victor Klemperer schreibt, dass sich »[d]ie Lehre vom totalen Krieg […] fürchterlich gegen ihre Urheber [wendet],« [23] wenn mensch »in jeder Fabrik, in jedem Keller militärisches Heldentum [bewährt], […] Kinder und Frauen und Greise genau den gleichen heroischen Schlachtentod, […] wie sich das sonst nur für junge Soldaten des Feldheeres schickte oder zustande bringen ließ, [sterben].« [24] Doch was für die Urheber*innen des totalen Kriegs selbst fürchterlich gewesen sein mag, ist für die damalige und heutige Propaganda von Nationalsozialisten*innen ein echter Glücksfall, bzw. gelungenes Kalkül. Denn für eine Ideologie, die statt freier Subjekte einen starken und geeinten »Volkskörper« heraufbeschwören möchte, ist es nur folgerichtig, dass dieser »Volkskörper« geeint, oder gar nicht, untergehen wird. Gefallene »Helden« leben in diesem »Volkskörper« weiter, denn wer für eine Idee stirbt, der*die wird wiedergeboren in deren Verwirklichung. »Heldengedenken« ist mehr als nur Erinnerung, mehr als ein Totengesang. Es ist ein Beschwörungsritual, in dem die Gespenster des Nationalsozialismus wiedererweckt werden und Besitz von den Lebenden ergreifen.

2.2 Vom »anerzogenen Schuldkomplex« zum »großen Austausch«

Dass es in der neonazistischen Tagespolitik nicht beim »Heldengedenken«, jenem Totengesang auf das »Dritte Reich«, bleibt, zeigt eine weitere, jährlich stattfindende Demonstration, der sogenannte »Tag der deutschen Zukunft«. Hier tragen Neonazis aus ganz Deutschland einmal im Jahr ihre Schreckensvision eines nationalsozialistischen Deutschlands spazieren. »Wir leiden unter einem anerzogenen Schuldkomplex, womit alle kollektiven Begehren im Keim erstickt werden«, [25] heißt es in einem Mobilisierungsvideo zum »Tag der deutschen Zukunft« 2016 in Dortmund. Auch hier ist also die Aneignung der Vergangenheit zentral für die Zukunftsvision der Neonazis, doch findet der sprachliche Akt der Gespensterbeschwörung deutlich versteckter statt, als wenn die Neonazis beim »Heldengedenken« in Wunsiedel »[den dahingegangenen Söhnen und Töchtern [ihres] Volkes] über Gräber hinweg [zu]rufen […]: ›Wir vergessen euch nicht, ihr lebt in unseren Herzen weiter!‹« [26] Und doch besteht das verbindende Element im Selbstverständnis der Neonazis in der Heraufbeschwörung einer gemeinsamen Vergangenheit: Sie wollen »die Jugend ohne Migrationshintergrund« [27] sein und berufen sich damit auf eine gemeinsame Ahnenkette, auf eine geografische Verbundenheit, die sowohl als »biologische«, als auch als »kulturelle« Verwandschaft interpretiert wird. [28]

Eine Spur authentischer klingt das bei der neurechten »Identitären Bewegung«, die dank ihrer Popularität sicherlich Vorbild für die Organisator*innen des »Tags der deutschen Zukunft« war, [29] wenn das gleiche Selbstverständnis auf bayerisch vorgetragen wird: »Mia san die Jugend ohne Migrationshintergrund«. [30] Doch diese »Jugend ohne Migrationshintergrund« soll, so erzählen extrem rechte Aktivist*innen der Identitären Bewegung und andere neurechte Vordenker*innen in Endlosschleife, ersetzt werden. Sie nennen das den »großen Austausch« und haben es längst geschafft, diese extrem rechte Terminologie auch im Diskurs der sogenannten »Mainstreammedien« zu etablieren. [31] Die »Identitäre Bewegung Österreich« hat eine Webseite zur »schonungslosen […] Enthüllung« des »großen Austauschs« veröffentlicht, [32] derzufolge der »große Austausch« im – von Politiker*innen und Medien bewusst inszenierten und verschwiegenen – »Austausch« der Bevölkerung »ohne Migrationshintergrund« durch »fremde Einwanderer« besteht. [33]

Auch die »Identitäre Bewegung Deutschland« spricht vom »großen Austausch« und verbindet diese Verschwörungstheorie in einem Video mit dem Titel »Zukunft für Europa« mit extrem rechter Kapitalismuskritik: »Ihr macht Menschen zur Ware, Kinder zu Objekten und erklärt Geschlechter und Familien für überflüssig«, [34] wirft Tony Gerber, Regionalleiter der »Identitären Bewegung Sachsen« den »Regierenden« vor und schlägt damit in die gleiche Scharte, in die auch die antisemitische, nationalsozialistische Kapitalismuskritik, wie sie beispielsweise in dem NS-Propagandafilm »Jud Süß« [35] oder dem ebenso antisemitischen NS-Propagandafilm »Die Rothschilds« [36] vorgetragen wird, schlägt. An die Stelle der Jüdinnen*Juden, die das »deutsche Volk« (und die ganze Welt) in einem konspirativen, gewissenslosen und menschenverachtenden Akt der persönlichen Bereicherung ins Verderben stürzen sollen, [37] treten hier zwar »die Regierenden« – und ggf. noch deren (unbenannte) Manipulator*innen –, doch wenn im gleichen Video von einer Verbundenheit durch eine »über tausend Jahre deutsche und europäische Geschichte«, [38] sowie der angeblichen Anerziehung von »Scham und Selbsthass« durch das Bildungssystem [39] die Rede ist, fällt es schwer, hier nicht nur von strukturellem Antisemitismus zu sprechen und nicht einen positiven Bezug auf den Nationalsozialismus zu erkennen. [40]

Doch nicht nur die Neue Rechte spricht von einem »großen Austausch«, auch nationalsozialistische Vertreter*innen bedienen sich dieser Verschwörungstheorie, wenngleich mittels etwas anderen Formulierungen. Der rechtskonservative, nationalsozialistische AfD-Politiker Björn Höcke beispielsweise betonte in seiner Rede zum sogenannten »Flügeltreffen am Kyffhäuser« im Juni 2015, dass er »die forcierte Transformation unseres Volkes in eine multikulturelle Gesellschaft« [41] ablehne. Ganz ähnlich hatte das zuvor auch ein*e Neonazi-Autor*in unter dem Pseudonym »Landolf Ladig« [42] geschrieben: »die befürwortete Transformation gewachsener Völker in multikulturelle Gesellschaften« sieht Landolf Ladig als einen Beleg für die »totale Hegemonie kulturalistischer oder behavioristischer Theorien innerhalb ›grüner‹ Gesellschaftsutopien«. [43] Was Höcke bzw. Ladigs Position von der der Neuen Rechten unterscheidet, bewegt sich hauptsächlich auf ideologischer Ebene: Während die Neue Rechte mit dem Begriff Ethnopluralismus für eine »kulturelle Reinhaltung« der Gesellschaften wirbt und die durch Grenzen bestimmte, gleichberechtigte Koexistenz verschiedener »Kulturen« forciert, setzt Höcke/Ladig als Anhänger der alten Rechten auf eine größere Bedeutung von Biologismen. [44] Doch auch wenn die Neue Rechte mit dem Begriff Ethnopluralismus versucht, sich vom Vorwurf des Rassismus im rassischen Sinne reinzuwaschen, ist ihre Argumentation strukturell eng verwandt mit der biologistischeren Variante der Nationalsozialisten*innen. In beiden Fällen werden Menschen anderer Herkunft abgewertet – im Falle einer ethnopluralistischen Argumentation eben territorial beschränkt, im Falle einer nationalsozialistischen Rassenideologie grundsätzlich –, in beiden Fällen erfolgt diese Abwertung pauschalisiert, aufgrund der Abstammung eines Menschen. Während Nationalsozialisten*innen dabei mit der »Blutlinie« der Menschen argumentieren, argumentieren Ethnopluralisten*innen der Neuen Rechten mit der kulturellen Prägung der Menschen, die von den Eltern an ihre Kinder weitergegeben werden soll. In beiden Fällen ist also der Stammbaum eines Menschen maßgeblich für seine*ihre gesellschaftliche Auf- oder Abwertung.
Mit der Rede von einem »großen Austausch« wird versucht, eine nicht existente Gefährdungslage für die Bevölkerung – also im Sprech der extremen Rechten, für das »deutsche Volk« – künstlich heraufzubeschwören. Eng damit verbunden ist die Besinnung auf eine gemeinsame Identität, wie sowohl die »Identitäre Bewegung«, als auch Höcke/Ladig immer wieder betonen. [45] Doch welche Identität soll das »deutsche Volk« annehmen? Hierfür muss der Kampf um die Vergangenheit neu ausgefochten werden, denn sich mittel- oder gar unmittelbar auf den Nationalsozialismus zu berufen ist derzeit lediglich eine in kleinen Kreisen vermittelbare Identität. Deshalb fordert Höcke eine »erinnerungspolitische Wende um 180 Grad«, [46] während andere Neonazis von einem »anerzogenen Schuldkomplex« [47] sprechen, die Neue Rechte von einer Anerziehung von »Scham und Selbsthass« durch das Bildungssystem [48] spricht und in eher rechtspopulistischen Kreisen versucht wird, die »Kollektivschuld« als »moralisch-ethische[n] Kurzschluss« [49] abzutun. »Identität« bedarf also ganz offensichtlich einer Aneignung der Vergangenheit.

Wie weitgehend diese Aneignung der Vergangenheit ist, und auf welche ideologische Grundlage sich diejenigen stellen, die von der Angst vor einem herbeiphantasierten »großen Austausch« getrieben, eine Besinnung des »deutschen Volkes« auf seine »Identität« fordern, wird im Vergleich mit einem neueren Text des Antisemiten Horst Mahlers, den dieser auf der Internetseite »Aufstand gegen die Judenheit« veröffentlicht haben soll, deutlich: [50] Auch Mahler beklagt in seinem Text einen »Identitätsverlust« aufgrund des »Verlust[s] der Heimat« der »Wutbürger«, [51] vertritt jedoch anders als Höcke, der, in seiner »Dresdner Rede« zumindest. nur eine inhaltliche, keine strukturelle Fundamentalopposition forderte, [52] auch eine strukturelle Systemopposition, bei der ein »organische[r] Staat« geschaffen werden soll, in dem »die Besten [regieren]«, [53] »Entscheidungen zur Verwirklichung der Staatszwecke […] von oben nach unten [ergehen]« und »von unten nach oben [kontrolliert wird]«. [54] Mit anderen Worten: Ein nationalsozialistischer Staat, wie er etwa von Carl Schmitt in Publikationen zwischen 1933 und 1936 beschrieben wird. [55]
Der nationalrevolutionäre Umschwung kann dabei laut Mahler nur durch einen »Skandalisierungsfeldzug« gegen die »Satanistischen Verse des Mosaismus« erreicht werden, wodurch ein den »christlichen Europäern« während ihrer Kindheit durch den »Jüdischen Geist« ausgetriebener, »ethischer Diskriminierungsaffekt« wiedererweckt werden soll, der dann in einer »reifen revolutionären Situation«, in der die »Massen […] aus einer ethisch geprägten Stimmungslage heraus [in den politischen Prozeß eingreifen]« die »Diskriminierung«, das heißt übersetzt wohl »Vernichtung« der Jüdinnen*Juden garantieren soll. [56] Durchgeführt werden soll dieser »Skandalisierungsfeldzug« lauf Mahler »mit den Methoden der ›Spaßguerilla‹ kombiniert mit Aufmerksamkeitserregungsstrategien à la Greenpeace«. [57] Ob Mahler damit auf Aktionen der Identitären Bewegung, wie die Besetzung des Brandenburger Tors anspielt? [58] Fest steht für ihr auf jeden Fall, dass der »Skandalisierungsfeldzug« »nur von sehr kleinen Kampfeinheiten, […] [die] dezentralisiert aber vernetzt via Internet […] in das allgemeine Bewusstsein wirken«, [59] zu bewerkstelligen ist. Mittels einer Strategie wie die der Identitären Bewegung will Mahler die Bevölkerung also zu Pogromen gegen Jüdinnen*Juden anstiften, um anschließend ein nationalsozialistisches Regime zu errichten.
Was Mahler offen ausspricht, versucht Höcke einigermaßen zu verbergen, doch ganz gelingt ihm das nicht. Seine sprachliche Nähe zum historischen Nationalsozialismus verrät ihn ein ums andere Mal. Andreas Kemper hat Ende 2016 die nationalsozialistischen Wurzeln von Höckes Sprache untersucht und dabei zahlreiche Parallelen zu Begrifflichkeiten der nationalsozialistischen Ideologie aufgezeigt. [60]

Doch nicht nur im Bezug auf eine allgemeine Verherrlichung des Nationalsozialismus spricht Mahler offener aus, was er sagen möchte, als Höcke, wobei die Parallelen zwischen Höckes Sprache und der des historischen Nationalsozialismus im Vergleich mit Mahler umso deutlicher zutage treten. Auch der »eliminatorische Antisemitismus«, [61] den Mahler in seinem Text vertritt, weist in seinen Ansätzen erschreckende Parallelen nicht nur zu Höcke, sondern auch zu neurechten Denkern*innen auf. Mahler, als selbst ernannter Vertreter der teleologischen Geschichtsphilosophie Hegels, [62] ist sich sicher, dass es an der Zeit ist, eine neue Epoche der Weltgeschichte einzuleiten:

Ebensowenig kann der Ausweg aus der Krise im Sinne eines systematischen Paradigmenwechsels mit Verstandeskategorien noch gedacht werden, denn was für die unmittelbare Zukunft ansteht, ist die Einhausung eines höheren Bewusstseins Gottes von sich in die Welt in der Gestalt, die der Deutsche Idealismus erkannt hat und die im historischen Nationalsozialismus einen Vorschein von sich gegeben hat. [63]

Auch Höcke, bzw. Ladig hat in der Vergangenheit ähnlich argumentiert: Im Nationalsozialismus habe sich, so Ladig in der extrem rechten Zeitschrift »Volk in Bewegung«, di erste staatlich organisierte Antiglobalisierungsbewegung entwickelt. Deshalb sei Deutschland im 2. Weltkrieg auch von fremden Mächten überfallen worden, um eine Ausbreitung dieses Modells zu verhindern. [64] Mahler legt auch dar, was der Zweck dieser neuen Epoche sein soll und wer die Feinde dieser Entwicklung sind:

Das jetzt geforderte Vernunftdenken ist ausschließlich Domaine [sic] des Deutschen Volksgeistes und auf absehbare Zeit nur in diesem Volk zu reaktivieren. Der Feind der Menschheit, der vom Deutschen Vernunftdenken zu vernichten ist, war bisher sehr erfolgreich, dieses Denken zu verschatten. Er weiß seit langem, dass ihm vom Deutschen Volksgeist die Vernichtung droht. Schon seit mehr als Tausend Jahren richtet er an JAHWE die Bitte, er möge den Anschlag des edomitischen Germaniens vereiteln, ›das, wenn es ausziehen würde, die ganze Welt zerstören würde‹. [65]

Mahlers Ziel ist also die Vernichtung der Jüdinnen*Juden, wenn es ihm darum geht, einen nationalsozialistischen Staat zu errichten. Er unterstellt diesen, »seit mehr als 200 Jahren die verlustreichsten Kriege, von denen die Menschheit weiß, herbeiintrigiert« [66] zu haben. Das klingt ähnlich der Aussagen von Ladig/Höcke, Deutschland sei im 1. und 2. Weltkrieg von fremden Mächten überfallen worden. [67] Doch die Parallelen zwischen Höcke/Ladig und Mahler gehen noch viel weiter. Mahler setzt die »Judenheit«, wie das bereits vielfach in der Propaganda des Nationalsozialismus getan wurde, mit dem »globalistische[n] Finanzsystem« [68] gleich und spricht vom »Sonderinteresse des Mammonismus, das die weltanschauliche Gedankenwelt nach seiner Facon schneidert«, [69] um einen Satz später zu statuieren, dass in der spätkapitalistischen Gesellschaft »der ›Grundkonsens‹ von der Judenheit gesetzt und verwaltet« [70] würde. Ladig/Höcke sucht in seiner Kapitalismuskritik die vermeintlich Schuldigen auffällig häufig in der Finanzwirtschaft. so beklagt Ladig 2012 in der »Eichsfeld Stimme«, dass mensch »die Gier der Hochfinanz […] großzügig« [71] befriedige. 2008 schrieb Höcke in einem Leserbrief an die Junge Freiheit, dass es sich bei der »gegenwärtigen Krise« nicht um eine »des herrschenden Wirtschafssystems, also der Marktwirtschaft, sondern eine des korrespondierenden Geldsystems, des zinsbasierten Kapitalismus« handele. [72] Diesen Gedanken griff Landolf Ladig, also vermutlich Björn Höcke, im Jahr 2011 im Artikel »Krisen, Chancen und Auftrag« in der extrem rechten Zeitschrift »Volk in Bewegung« wieder auf und schrieb:

So ist denn die gegenwärtige Krise definitiv keine des herrschenden Wirtschafssystems, sondern eine des korrespondierenden Geldsystems, des zinsbasierten Kapitalismus. Dieses die Gier schamlos belohnende System ermöglicht enorme Buchgeldschöpfungen, gigantische Kapitalakkumulationen und globale Konzentrationsprozesse. Die Hochfinanz führt die wertschöpfende Realwirtschaft und die Politik am Nasenring durch die Manege. […] Die augenscheinliche Alternativlosigkeit läßt die Gefahr bestehen, daß die Geldeliten von heute wiederum die politischen Entscheider von morgen sein könnten […] [73]

Besonders die Aufteilung der Wirtschaft in »wertschöpfende Realwirtschaft« und »Hochfinanz«, [74] die die Politik am »Nasenring durch die Manege« führen soll, zeigt erschreckende Parallelen zu der Darstellung von Jüdinnen*Juden durch nationalsozialistische Propagandafilme wie »Jud Süß«, »Die Rothschilds« oder »Der ewige Jude«, aber auch zu Horst Mahlers Verständnis der »Judenheit«.
Auch aus der neurechten Ecke bricht sich immer wieder Antisemitismus in Form einer einseitigen Kritik des »Finanzkapitals«, dem das Versagen des gesamten Wirtschaftssystems zugeschrieben wird, bahn. Jürgen Elsässer, Chefredakteur des extrem rechten Compact Magazins, gründete 2009 die »Volksinitiative gegen Finanzkapital«, in deren Rahmen er ebenfalls eine Trennung zwischen »Industrie- und […] Bankkapital« [75] propagiert. Als Antwort auf einen angeblichen Angriff des »angloamerikanischen Finanzkapitals auf den Rest der Welt« fordert Elsässer den Aufbau einer »Volksfront, die das nationale, bzw. ›alt-europäisch‹ orientierte Industriekapital einschließt«. [76] Ihre Aufgabe sei die »entschädigungslose Nationalisierung des Finanzsektors und die Abdrängung der anglo-amerikanischen Finanzaristokratie aus Europa«. [77] In der Tendenz bewegt sich auch die Globalisierungskritik der Idnetitären Bewegung – namentlich die Verschwörungstheorie vom »großen Austausch« –, wie bereits weiter oben ausgeführt, in diese Richtung.

2.3 Die Errichtung der »Festung Europa«

»Festung Europa, macht die Grenzen dicht!«, skandiert ein mehrere hundert Personen starker Mob auf der Saalbrücke zwischen Freilassing und Salzburg. Unter dem Motto »Wir sind die Grenze« demonstrieren sie für eine Schließung dieser Grenze, um die Einreise von Flüchtenden nach Deutschland zu verhindern. Das Publikum dieser Demonstration ist innerhalb des extrem rechten Spektrums sehr breit aufgestellt: Vertreter*innen der Identitären Bewegung, die Wutbürger*innen diverser PEGIDA-Ableger und Mitglieder beinahe aller Strömungen der AfD sind anwesend. Dazu kommen einzelne Neonazis, die der Demonstration ebenso selbstverständlich beiwohnen dürfen, wie alle anderen Teilnehmer*innen.

Kein Wunder, denn erfunden hat den Kampfbegriff »Festung Europa« nicht die Neue Rechte, sondern die NS-Propaganda gegen Ende des 2. Weltkriegs. [78] Doch zumindest für die Neue Rechte ist das kein Grund, eine »Festung Europa« nicht nur zu fordern, sondern sich zum Teil auch in einem Akt der Selbstjustiz an einer »Sicherung« der Grenzen Europas zu beteiligen. Die extrem rechte Tatjana Festerling, frühere Frontfrau* bei PEGIDA in Dresden, sowie Gründerin* der europäischen Bürger*innenbewegung »Festung Europa«, bzw. » Fortress Europe«, schloss sich im Juli 2016 für einige Tage einer bulgarischen Bürger*innenwehr an, die in den Wäldern Bulgariens Jagd auf Flüchtende macht, um diese an die Granzschutzbehörden zu übergeben. [79] Die Identitäre Bewegung Österreich hat mit der Seite »grenzhelfer.in« eine ähnliche, wenngleich hauptsächlich symbolische Kampagne gestartet. Hier werden Österreicher*innen dazu aufgerufen selbst Zäune an den Grenzen Österreichs zu errichten und Absperrbänder zu installieren, sich als »Grenzwache« zu versuchen und in »Krisenzonen […] die Exekutive zu unterstützen«, sowie »illegale Aktivitäten« zu dokumentieren. [80]

Diese Kampagnen entsprechen dem Gesamtbild der Neuen Rechten und insbesondere der Identitären Bewegung. Gerade letztere hat sich seit ihrer Gründung in ihrer Ästhetik und ihrem Selbstverständnis immer wieder an dem gewaltverherrlichenden, sexistischen und rassistischen Spielfilm »300« orientiert, fast so als gäbe es keine theoretisch gefestigtere Basis für ihre Ideologie. Der Film beschäftigt sich mit dem historischen Ereignis der Schlacht bei den Thermopylen um 480 v. Chr., bei der – lauf Film [81] – rund 300 Spataner einem übermächtigen Heer des Perserreichs gegenübergestanden haben sollen. [82] Diese militärische Auseinandersetzung zwischen Helenenbund und Perserreich sehen die Angehörigen der Identitären Bewegung als Beginn eines bis heute andauernden Kampfes gegen die »Invasion« Europas durch fremde (muslimische [83]) Kulturen. Aus diesem Grund ist das Logo der Identitären Bewegung auch den Schilden der Spartanischen Hopliten in dem Film »300« nachempfunden: Ein gelber Kreis, in dem ein stilisiertes Lambda angebracht ist. Doch nicht nur durch ihr Logo versucht sich die Identitäre Bewegung als Kämpfer*innen-Verband für ihre Heimat zu inszenieren. Auch sprachlich knüpfen Aktivist*innen der Identitären Bewegung an den archaischen Krieger*innenkult der Spartaner* aus dem Film »300« an. »Reih dich in die Phalanx ein«, war einige Zeit eines der Leitmottos der Identitären Bewegung. [84] Doch die Zeit der Phalanx ist vorbei. Vielleicht deshalb weil aus dem »haltet sie draußen« ein »schmeißt sie raus« [85] wurde, vielleicht aber auch nur, weil die Aktivist*innen zunehmend versuchen, sich von »300«, diesem Fundament ihrer Ideologie, loszusagen und ›seriöse‹ theoretische Grundlagen zu suchen.

Fakt ist jedoch, dass die Identitäre Bewegung mittlerweile mehr fordert, als nur die Grenzen nach Europa zu schließen. Ähnlich wie sich der Antisemitismus im 19. Jahrhundert von einem »die Juden wollen in das Haus der Deutschen eindringen« zur Methaphorik, sie hätten es bereits besetzt, [86] entwickelte, fordern Anhänger*innen der Identitären Bewegung mittlerweile auch eine Ausweisung von Geflüchteten aus Deutschland und Europa. Besonders zwei Termini haben die »Identitären« dazu geprägt: »Remigration« und »Reconquista«. »Reconquista« bezeichnet den Prozess der christlichen Ausbreitung auf der Iberischen Halbinsel in der Zeit zwischen 722 und 1492. Von einer »Rückeroberung der iberischen Halbinseln durch die westgotischen Reichsnachfolger, die zuvor durch muslimische Eroberer besetzt gehalten wurden«, [88] kann dabei nur bedingt die Rede sein. In jedem Fall handelt es sich bei der »Reconquista« aus heutiger Sicht um eine in ihrem Ergebnis rassistisch und antisemitisch motivierte Epoche, auf die sich die Identitäre Bewegung hier positiv beruft. Insgesamt ist es auffällig, dass die Identitäre Bewegung in der Wahl ihrer Kampfbegriffe bewusst militärische Begriffe wählt, die nicht selten auf von starkem Rassismus und Antisemitismus geprägte Ursprünge verweisen.

2.4 Die Gespenster steigen auf

Im November 2015 veröffentlichte der neurechte Vordenker Götz Kubitschek zusammen mit einigen anderen Angehörigen der Neuen Rechten die extrem rechte Vernetzungsplattform »Ein Prozent«. Der Leitspruch der Plattform: »Es ist an der Zeit, dass die Stimme des Volkes wieder Gehör findet. Wir vernetzen den Widerstand«. [89] Die Idee: »Ein Prozent der Deutschen« zu vernetzen, um gemeinsam die »Flüchtlingsinvasion« zu beenden. [90] Ein Prozent, das ist keine Masse, immerhin aber ein Mob.

Ein extrem rechter Mob war bereits im August 2015 in der Nacht vom 21./22. in Heidenau auffällig geworden. Insgesamt rund 1000 Personen hatten am 21. August gegen eine provisorische Unterkunft für Geflüchtete demonstriert. Aufgerufen dazu hatte unter anderem die Neonazi-Partei NPD. Als gegen Mitternacht einige Geflüchtete in der Unterkunft einquartiert werden sollten, blockierten von ca. 300 noch vor Ort anwesenden Personen mehrere die Busse, mit denen diese transportiert wurden. Es kam zu gewaltsamen Ausschreitungen zwischen Polizei und extremen Rechten, in deren Folge Flaschen, Steine und Brandsätze auf die Polizist*innen geworfen wurden. [91] Und auch im Oktober 2016 war es ein Mob, der in Chemnitz-Einsiedel gegen eine Unterkunft für Geflüchtete demonstrierte. Um die Ankunft von Geflüchteten in einer dort liegenden Unterkunft zu verhindern, hielten sich zu Spitzenzeiten mehr als 2000 Demonstrant*innen, hauptsächlich Anwohner*innen des 3500 Einwohner*innen umfassenden Ortes an einem vor der Unterkunft errichteten Infostand auf. [92] Die Organisator*innen berichten in diesem Kontext: »Das Dorf ist zusammengewachsen, die Menschen sind wieder eine Gemeinschaft. Sie sind wieder stolz aufeinander, die haben alleine durch die Aktion einen unheimlichen Stolz gewonnen, die haben Mut gewonnen, Gesicht zu zeigen, die helfen sich wieder gegeneinander [sic!], es ist einfach eine Gemeinschaft geworden, wie es sich normalerweise gehört.« [93] Im Hintergrund des rechten Propagandavideos, das die Zuschauer*innen zur Nachahmung anstiften will, werden Szenen gezeigt, die eher an eine gemütliche Lagerfeueratmosphäre erinnern, [94] als an einen aufgebrachten, extrem rechten Mob, aber vielleicht ist dies Volksfestatmosphäre ja gerade charakteristisch für dieses, auf Ausgrenzung des anderen sich gründende, Identitätsgefühl, das die Teilnehmer*innen dieser zutiefst rassistischen Veranstaltung offenbar gewonnen haben. Und dann ereignete sich der erste, internationale Aufmerksamkeit erregende pogromartige Übergriff auf einen Bus mit Geflüchteten in Clausnitz. Ein Mob von rund 100 Personen stoppte vor einer Unterkunft für Geflüchtete einen Bus mit Neuankömmlingen. Mit Rufen – nein, mit einem heiser-aggressiven Brüllen – wie »Wir sind das Volk« oder »Haut ab«, bedrängten die Clausnitzer Rassist*innen die Geflüchteten fast zwei Stunden, bis die Polizei diese dann unter Anwendung von »einfachem Zwang«, das heißt im Würgegriff, in ihre Unterkunft brachte. [95]

Doch auch wenn es in den letzten Monaten zur schlechten Angewohnheit der immer häufiger auftretenden, extrem rechten Mobs in ganz Deutschland geworden ist, sich als »Volk« zu verkennen, handelt es sich doch immer nur um »das Volk in seiner Karrikatur«. [96] Hannah Arendt bestimmt den Mob weiter als Zusammensetzung »alle[r] Deklassierten«, in dem »alle Klassen der Gesellschaft vertreten [sind]«. »[E]r kann nur akklamieren oder steinigen, [nicht wählen]«, [97] betont Hannah Arend weiter. Heute wissen wir, dass das »nicht wählen« nur mehr symbolisch zu verstehen ist. Ein Mob aus einem Prozent der deutschen Bevölkerung ist kaum in der Lage, einer politischen Kraft zur Macht zu verhelfen, doch wenn ein solcher Mob mit Heugabeln und Fackeln auszieht, um die Unterkünfte von Geflüchteten oder diese selbst anzugreifen, ist ein Prozent der Bevölkerung mehr als ausreichend.

Doch auch seit Clausnitz ist die Serie von fremdenfeindlichen Übergriffen nicht abgerissen. Im September 2016 kam es in Bautzen zu einem weiteren pogromartigen Übergriff auf Geflüchtete. Ein extrem echter Mob von rund 80 Personen hatte 15 bis 20 junge Geflüchtete angegriffen. Dabei wurden offenbar auch Steine und Glasflaschen geworfen. [98]

Dass diese Übergriffe in Zusammenhang mit der derzeitigen rechten Mobilisierung stehen, steht außer Frage, doch lassen sich diese auch auf einen entsprechenden Sprachgebrauch zurücführen? Was sich auf jeden Fall feststellen lässt, ist, dass sich solche Übergriffe im Sprachgebrauch der extremen Rechten angekündigt haben, ja dass sogar im Vorfeld inhaltlich von ihnen gesprochen wurde. Götz Kubitschek stieß Ende Oktober 2015 in einem Artikel mit der Überschrift »Widerstandsschritte« die Überlegung an, ob es legitim sei, Busse mit Geflüchteten zu blockieren, um diese daran zu hindern, ihren Zielort zu erreichen. [99] Im Februar 2016 ereigneten sich dann die pogromartigen Übergriffe in Clausnitz. »[D]er Mob [schreit] in allen Aufständen nach dem starken Mann, der ihn führen kann«, [100] schreibt Hannah Arendt. Doch Kubitschek wollte damals noch mehr: Er hatte den extrem rechten Rechtsanwalt Thor v. Waldstein damit beauftragt, zu prüfen, ob es für »die Deutschen in der jetzigen Situation ein Recht auf Widerstand geben könnte«, [101] denn auch wenn es den deutschen Mob dazu drängt, sich zu Pogromen zusammenzurotten, wohler ist ihm dabei, wenn er das Gesetz oder wenigstens die Regierung hinter sich weiß. Ungeachtet des wirren Geplänkels des extrem rechten Rechtsanwalts, der einen »vorsätzlichen Staatsstreich der Regierung gegen das Volk, einen Putsch von oben« [102] bilanziert und deshalb ein Widerstandsrecht als »letzte[s] verbleibende[s] Mittel zur Erhaltung der verfassungsmäßigen Ordnung« [103] gegeben sieht, [104] lässt sich feststellen, dass Götz Kubitscheks (kaum) verstecktem Aufruf zu Blockaden – mit einiger Verspätung immerhin – nachgekommen wurde. Doch Kubitschek als den »starken Mann, der [den Mob] führen kann« [105] zu bezeichnen, hieße seine Rolle innerhalb der extremen Rechten zu überschätzen. Sicher besitzt seine Stimme einiges Gewicht, jedoch nicht mehr als die anderer extrem rechter Führungsfiguren wie Björn Höcke, Jürgen Elsässer oder die Anführer*innen von expliziten Neonazi-Organisationen. Auch war Kubitschek nicht der Einzige, der zu Blockaden von Unterkünften für Geflüchtete aufgerufen hatte, er war nur eine der bekanntesten Persönlichkeiten, die dies taten.

Verantwortich dafür, dass solche Blockaden schließlich tatsächlich stattgefunden haben, könnte eine ihnen vorangegangene, zunehmende sprachliche Enthemmung gewesen sein. [106] Gleichzeitig zu dieser Enthemmung fand auch eine zunehmende Verhetzung der Geflüchteten als Islamisten*innen, Ehrenmörder*innen, Vergewaltiger*innen und mit vielen weiteren Stereotypen statt.

Norbert Elias gibt auf die Frage, »warum die nationalsozialistische Führung zu Kriegsbeginn die Vernichtung aller Juden […] beschloss«, [107] folgende Antwort: »Sie bedeutet einfach die Erfüllung eines tief verwurzelten Glaubens, der für die nationalsozialistische Bewegung von ihren Anfängen an zentral gewesen war.« [108] »Hitler und seine Anhänger hatten aus ihrer totalen und unversöhnlichen Feindschaft gegen die Juden und aus ihrem Wunsch, sie auszurotten, nie einen Hehl gemacht«, [109] führt Elias weiter aus, um dann festzustellen, »daß sich […] eine lange Zeit nur wenige Menschen […] vorzustellen vermochten, daß die Nationalsozialisten eines Tages verwirklichen könnten, was sie verkündet hatten«. [110]

Das ist kein Problem der Vergangenheit: Es »gibt heute noch eine weitverbreitete Neigung, politische und soziale Glaubensdoktrinen zu unterschätzen: Sie gelten als bloßer Schaum – als ›Ideologien‹, denen als eigentliche Substanz die ›Interessen‹ der Trägergruppen, wie sie in deren Selbstverständnis definiert sind, zugrunde liegen«. [111] Eben jene rassistische und antisemitische Glaubensdoktrin äußert sich derzeit in der Sprache der extremen Rechten. Dabei wird häufig vergessen, dass gerade enthemmte, sprachliche Gewaltakte oft einen performativen Charakter besitzen. Wenn extrem Rechte heute also von »Widerstand«, Mord an Ausländer*innen oder einem Kampf gegen die »Hochfinanz« sprchen, sollten wir das nicht einfach auf die leichte Schulter nehmen und als leere Worte abtun!

Anmerkungen

[1] Norbert Elias, Studien über die Deutschen. Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert. Hrsg. von Michael Schröter, 2. Auflage (1989; Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1994) S. 396.

[2] Vgl. Dan Diener. »Zivilisationsbruch«. Zivilisationsbruch Auschwitz. Hrsg. von Pax Christi. Schriftenreihe Probleme des Friedens. Idstein: meinhardt, 1999. 13-15 S. 13 ff.

[3] Giorgio Agamben, Homo Sacer. Die Souveränität der Macht und das nackte Leben, hrsg. von Gary Smith und Rüdiger Zill, übers. von Hubert Thüring, Erbschaft unserer Zeit Bd. 16 (1995; Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2002) S. 175.

[4] Ruth Klüger, weiter leben. Eine Jugend (1992; München: dtv, 1997) S. 120.

[5] Vgl. (RE) Die Ordnung. Grundsatzprogramm der CSU vom 05.11.2016, online verfügbar unter http://csu-grundsatzprogramm.de/wp-content/uploads/CSU_Grundsatzprogramm.pdf S. 5.

[6] Der Begriff »Festung Europa« stammt aus der Zeit des Nationalsozialismus. Besonders gegen Ende des 2. Weltkrieges wurde darunter ein Europa in dessen Mitte Deutschland als »Ordnungsmacht« liegt, verstanden. »Deutschland, die ›Ordnungsmacht‹, verteidigt die Festung Europa«, fasst Victor Klemperer diese späte nationalsozialistische Propaganda zusammen (Klemperer S. 186)

[7] Vgl. Theodor W. Adorno, »Ob nach Auschwitz noch sich leben lasse.« Ein philosophisches Lesebuch, hrsg. von Rolf Tiedemann (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1997) S. 48.

[8] Vgl. (RE) Sebstverständnis der neonazistischen Partei »Der III. Weg«, online abrufbar unter http://www.der-dritte-weg.info/index.php/menue/63/Zehn_Punkte_Programm.html

[9] Beides, sowohl »Merkel muss weg«, als auch »Abschieben« sind Sprechchöre, die auf extrem rechten Demonstrationen, wie beispielsweise den PEGIDA-Demonstrationen in ganz Deutschland zum Repertoire gehören.

[10] Vgl. (RE) Artikel Metapolitik auf der Webseite der Identitären Bewegung Deutschland, online abrufbar unter http://www.identitaere-bewegung.de/metapolitik/

[11] Vgl. (RE) Artikel Metapolitik auf der Webseite der Identitären Bewegung Deutschland, online abrufbar unter http://www.identitaere-bewegung.de/metapolitik/

[12] Vgl. (RE) Pressemitteilung „Ästhetische Interverntion der Identitären Bewegung Deutschland im Berliner Maxim Gorki Theater“ der Identitären Bewegung Deutschland, online abrufbar unter http://www.identitäre-bewegung.de/presse/aesthetische-intervention-der-ibd-im-berliner-maxim-gorki-theater/

[13] Bernhard Giesen und Kay Junge. »Vom Patriotismus zum Nationalismus. Zur Evolution der ›Deutschen Kulturnation‹«. Nationale und kulturelle Identität. Hrsg. von Bernhard Giesen. Frankfurt am Main; Suhrkamp, 1991. S. 256.

[14] Nicht zu vergessen sind hier natürlich auch die diversen Flaggen, die extrem Rechte gerade bei Demonstrationen häufig mit sich führen und mit denen sie ihre nationalen Identitäten besonders deutlich ausflaggen.

[15] Unter dem Namen »Heldengedenken« – offenbar eine Anspielung auf den sogenannten »Heldengedenktag« im Nationalsozialismus (heute »Volkstrauertag«) – veranstalten Neonazis alljährlich einen Gedenktag für die deutschen Kriegstoten des 2. Weltkriegs in der Stadt Wunsiedel, wo sich die Grabstätte von Rudolph Hess befindet.

[16] Martin Wiese ist einer der bekanntesten Neonazis Bayerns. Im Jahr 2003 hatte Wiese gemeinsam mit mehreren anderen Neonazis einen Sprengstoffanschlag auf die Grundsteinlegung des neuen jüdischen Kulturzentrums in München geplant. Noch in der Untersuchungshaft schrieb Wiese in einem Brief, dass ihm noch genug Zeit bliebe, »diese Judenrepublik [plattzumachen]« und unterzeichnete diesen mit »Heil Hitler« (vgl. Krug).

[17] Vgl. (RE) Der III. Weg. Heldengedenken in Wunsiedel 2016, online abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=-uYWsvEW2_0

[18] Adorno S. 63.

[19] Vgl. (RE) Der III. Weg. Heldengedenken in Wunsiedel 2016, online abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=-uYWsvEW2_0

[20] Vgl. (RE) Hans Weberstedt und Kurt Langner, Gedenkhalle für die gefallenen des Dritten Reiches, Bd. I (München: Franz-Eher, 1939) S. 7.

[21] Vgl. (RE) Der III. Weg. Heldengedenken in Wunsiedel 2016, online abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=-uYWsvEW2_0

[22] (RE) Weberstedt und Lagner S. 7.

[23] Klemperer S. 13.

[24] Klemperer S. 13.

[25] Vgl. (RE) Aufruf zum Tag der deutschen Zukunft in Dortmund (2016), online abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=HhpOyoCC8sY, ab min. 0:28

[26] Vgl. (RE) Der III. Weg. Heldengedenken in Wunsiedel 2016, online abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=-uYWsvEW2_0, ab min. 1:02

[27] Vgl. (RE) Aufruf zum Tag der deutschen Zukunft in Dortmund (2016), online abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=HhpOyoCC8sY, ab min. 0:54

[28] Konkret steht im Aufruftext zum »Tag der deutschen Zukunft« 2017: »Täglich kommen tausende art- und kulturfremde Menschen in unser Land […]«. (vgl. (RE) Aufruf zum Tag der deutschen Zukunft 2017, online abrufbar unter https://logr.org/tddz2017/aufruf/; Hervorhebung durch différⒶnce muc)

[29] Nicht nur beim »Tag der deutschen Zukunft« lassen sich neurechte Tendenzen im Gedankengut offen nationalsozialistischer Parteien und Gruppierungen beobachten. So schreibt beispielsweise die Neonazi-Partei »Der III. Weg« in ihrem 10-Punkte-Programm: »Ziel […] ist […] die Schaffung einer Europäischen Eidgenossenschaft auf Grundlage der europäischen Kulturen, sowie der gemeinsamen Geschichte und ist getragen [sic!] vom Willen und der Souveränität der europäischen Völker« (vgl. (RE) Zehn Punkte Programm des III. Wegs, online abrufbar unter http://www.der-dritte-weg.info/index.php/menue/63/Zehn_Punkte_Programm.html). Das klingt nach einer etwas rassischeren Form des neurechten Ethnopluralismus.

[30] Vgl. (RE) Identitäre Bewegung Deutschland: Zukunft für Europa, online abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=rPXI6tA31yI, ab min. 2:07

[31] So übernahm beispielsweise Spiegel-Kolumnist Jan Fleischhauer diesen extrem rechten Begriff des »großen Austauschs« im März 2017 unhinterfragt als Überschrift seiner Kolumne (vgl. Fleischhauer).

[32] Vgl. (RE) Webseite der Identitären bewegung Österreich zum »großen Austausch«, online abrufbar unter https://deraustausch.iboesterreich.at/

[33] Vgl. (RE) Webseite der Identitären bewegung Österreich zum »großen Austausch«, online abrufbar unter https://deraustausch.iboesterreich.at/

[34] Vgl. Tony Gerber in (RE) Identitäre Bewegung Deutschland: Zukunft für Europa, online abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=rPXI6tA31yI, ab min. 0:22.

[35] Vgl. (RE) Veit Harlan, »Jud Süß« (1940).

[36] Vgl. (RE) Erich Waschneck, »Die Rothschilds« (1940).

[37] Vgl. Harlan und Waschneck.

[38] Vgl. (RE) Identitäre Bewegung Deutschland: Zukunft für Europa, online abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=rPXI6tA31yI, ab min 0:22.

[39] Vgl. Sebastian Zeilinger in (RE) Identitäre Bewegung Deutschland: Zukunft für Europa, online abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=rPXI6tA31yI, ab min 1:29.

[40] Das ist insofern kaum verwunderlich, als in dem Video mindestens zwei Personen mit einer neonazistischen Vergangenheit auftreten: Martin Sellner (Vorsitzender der Identitären Bewegung Österreich) nahm mindestens bis zum Jahr 2008 an Neonazi-Demonstrationen teil (vgl. Reuter) und der im Video auftretende Lorenz Maierhofer engagierte sich früher in der heute verbotenen Neonazi-Kameradschaft »Freies Netz Süd« (vgl. Aigner).

[41] (RE) Björn Höcke. »Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott. Rede zum Flügeltreffen am Kyffhäuser« (Juni 2015).

[42] Schon seit 2015 macht der Soziologe Andreas Kemper darauf aufmerksam, dass Björn Höcke und Landolf Ladig nicht nur sehr ähnliche, seltene Ausdrücke (»organische Marktwirtschaft«, »identitäre Systemopposition«, uvm.) verwenden, sondern, dass deren Schriften teilweise auch beinahe wortwörtlich identische Textpassagen aufweisen. Unter anderem deshalb kommt Andreas Kemper zu dem Schluss, dass es sich bei »Landolf Ladig« und Björn Höcke vermutlich um ein und dieselbe Person handelt (Kemper, »Landolf Ladig, NS-Verherrlicher«).

[43] (RE) Landolf Ladig. »Ökologie und Postwachstumsökonomie. Die Krise des Liberalismus». Volk in Bewegung 1 (2012) S. 13.

[44] In dem extrem rechten Lokalblatt »Eichsfeld Stimme« der NPD schreibt Landolf Ladig, also aller wahrscheinlichkeit nach Björn Höcke, dazu: »[…] durch das Inkrafttreten des neuen Staatsbürgerschaftsrechts [war] den statistischen Tricksereien Tür und Tor geöffnet [worden]. Denn ab dem 01.01.2000 wurden mit der Abschaffung des Abstammungsprinzips alle in der BRD geborenen Ausländer automatisch vor dem Gesetz zu Deutschen« ((RE) Ladig »Was wird aus unserer Heimat? Der demografische Wandel ist kein Naturgesetz!« S. 1). Indem Ladig/Höcke die Nationalität eines Menschen also an dessen Abstammung festmacht und eine Abschaffung dieses Prinzips beklagt, macht er deutlich, welche Rolle Biologismen bei ihm einnehmen.

[45] Sowohl Höcke, als auch Ladig sprechen immer wieder von »identitärer Systemopposition« (Kemper, »Björn Höcke (AfD) – ›prächtiger‹ Nationalsozialismus und die identitäre Revolution?«).

[46] (RE) Björn Höcke. »Dresdner Gespräche mit Björn Höcke und anderen« (Jan. 2017).

[47] Vgl. (RE) Aufruf zum Tag der Deutschen Zukunft 2016, online abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=HhpOyoCC8sY, ab min. 0:28.

[48] Vgl. (RE) Identitäre Bewegung Deutschland: Zukunft für Europa, online abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=rPXI6tA31yI, ab min 1:30.

[49] (RE) Pythagoreer. »Kollektiver Schuldkomplex« (Dezember 2013 (PI-News).

[50] Ob es sich bei dem dort veröffentlichten Text tatsächlich um eine Schrift Horst Mahlers handelt, ist etwas zweifelhaft. Tatsächlich trägt der Text in der PDF-Version Mahlers Unterschrift, es scheint jedoch nicht unmöglich, dass der Betreiber der Seite, der Neonazi Jörg Krautheim, ein großer Fan von Mahler (vgl. https://thueringenrechtsaussen.wordpress.com/2014/06/12/die-rechte-in-thuringen-oder-krautheims-one-man-show/), diesen Text gefälscht haben könnte. Für die Analyse des Textes und seiner ideologischen Grundlagen scheint die Echtheitsfrage jedoch einerlei zu sein.

[51] (RE) Horst Mahler. »Es kommt Bewegung in unsere Lage« (Jan. 2017). S. 1.

[52] Vgl. Compact TV: Dresdner Gespräche mit Björn Höcke, online abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=sti51c8abaw, ab min. 1:05:38.

[53] Ironischerweise diagnostizieren sowohl Norbert Elias, als auch Hannah Arendt, dass die nationalsozialistischen Führer »halbgebildet[e] […] Außenseiter oder Versager […] der älteren Ordnung« (Elias S. 410) waren, bzw. »die charakteristischen, uns wohlbekannten Züge des Pöbels« (Arendt S. 703) trugen.

[54] (RE) Mahler S. 5.

[55] Schmitt gilt heute noch als ein wichtiger Vordenker der Neuen Rechten.

[56] Vgl. (RE) Mahler S. 4.

[57] (RE) Mahler S. 4.

[58] Vgl. www.tagesspiegel.de/berlin/polizei-justiz/nach-aktion-der-identitaeren-bewegung-senat-will-brandenburger-tor-besser-schuetzen/14463426.html

[59] (RE) Mahler S. 4.

[60] Vgl. Andreas Kemper. »Zur NS-Rhetorik des AfD-Politikers Björn Höcke«. DISS 32 (2016).

[61] Goldhagen S. 71 ff.

[62] Vgl. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, hrsg. von Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel, Bd. III 1830; 1986) S. 347 ff.

[63] (RE) Mahler S. 2.

[64] Vgl. Kemper, »Landolf Ladig, NS-Verherrlicher«.

[65] (RE) Mahler S. 2.

[66] (RE) Mahler S. 2.

[67] Vgl. Kemper, »Landolf Ladig, NS-Verherrlicher«.

[68] (RE) Mahler S. 2.

[69] (RE) Mahler S. 5.

[70] (RE) Mahler S. 5.

[71] (RE) Ladig, »Was wird aus unserer Heimat? Der demografische Wandel ist kein Naturgesetz!« S. 1.

[72] (RE) Björn Höcke. »Leserbrief zu ›kein Dritter Weg‹ von Hans-Olaf Henkel, JF 43/08«. Junge Freiheit 44 (2008) S. 23.

[73] (RE) Landolf Ladig. »Krisen, Chancen und Auftrag«. Volk in Bewegung 5 (2011) S. 6.

[74] Der nationalsozialistische Antisemit Gottfried Feder, der als einer der Ersten zwischen »schaffendem Industriekapital« und »raffendem Finanzkapital« unterschied – natürlich in der antisemitischen Absicht, den Jüdinnen*Juden Raffgier zu unterstellen –, veröffentlichte 1935 sein Werk »Kampf gegen die Hochfinanz« (Vgl. (RE) Feder). An diese Begrifflichkeiten knüpft Ladig/Höcke hier sehr deutlich an.

[75] (RE) Jürgen Elsässer. »›Volksinitiative‹ gegen Finanzkapital gegeründet « (2010).

[76] (RE) Elsässer.

[77] (RE) Elsässer.

[78] Vgl. Klemperer S. 186,

[79] Vgl. Matthias Meisner. »Ausreiseverbot für niederländischen Pegida-Anführer?« (6. Juli 2016).

[80] Vgl. (RE) http://www.grenzhelfer.in/?page_id=120

[81] Historische Quellen behaupten etwas anderes: Herodot berichtet in seinen Historien von insgesamt 5200 griechischen Hopliten, von denen nur etwa 300 aus Sparta stammten (Herodot S. 202 f.).

[82] Zack Snyder. »300« (2006).

[83] Selbstverständlich gab es um 480 v. Chr. weder den Islam, noch das Christentum, der Identitären Bewegung geht es jedoch um die angebliche Unvereinbarkeit der Kulturen.

[84] Christoph Schulze. »Die ›Identitären‹ in Brandenburg«. (2016). Online abrufbar unter http://www.aktionsbuendnis-brandenburg.de/sites/default/files/downloads/Identit%C3%83%C2%A4re-Brandenburg.pdf. S. 1.

[85] Goldhagen S. 90.

[86] Goldhagen S. 90.

[87] Vgl. (RE) https://www.identitaere-bewegung.de/category/politische-forderungen/.

[88] Vgl. (RE) https://www.identitaere-bewegung.de/faq/was-bedeutet-der-begriff-reconquista/.

[89] Vgl. (RE) https://einprozent.de/.

[90] Vgl. (RE) https://einprozent.de/ueber-uns/.

[91] Vgl. MDR Sachsen. »Gewaltsamer Protest gegen Neuankömmlinge« (22. Aug. 2015). Online abrufbar unter http://www.mdr.de/sachsen/dresden/demo-heidenau100.html.

[92] Vgl. (RE) Kanal Schnellroda: Ziviler Ungehorsam in Chemnitz-Einsiedel – Wir selbst, online Abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=Y_H5XDvS3H0.

[93] Vgl. (RE) Kanal Schnellroda: Ziviler Ungehorsam in Chemnitz-Einsiedel – Wir selbst, online Abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=Y_H5XDvS3H0, ab min. 4:20.

[94] Vgl. (RE) Kanal Schnellroda: Ziviler Ungehorsam in Chemnitz-Einsiedel – Wir selbst, online Abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=Y_H5XDvS3H0.

[95] Vgl. Christoph Titz. »Busattacke in Clausnitz. Ein Dorf wundert sich« (21. Feb. 2016). Online abrufbar unter http://www.spiegel.de/politik/deutschland/clausnitz-und-die-attacke-auf-fluechtlinge-jetzt-will-es-keiner-gewesen-sein-a-1078492.html

[96] Arendt S. 247.

[97] Arendt S. 247.

[98] Vgl. Anna Reimann und Christian Teevs. »Rechte Gewalt in Sachsen. Immer wieder Bautzen« (15. Sep. 2016). Online Abrufbar unter http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bautzen-was-hinter-der-gewalt-zwischen-fluechtlingen-und-rechten-steckt-a-1112458.html.

[99] Vgl. (RE) Götz Kubitschek. »Widerstandsschritte (6): Widerstandsrecht in Einsiedel?« (27. Oktober 2015). Online abrufbar unter https://sezession.de/52000.

[100] Arendt S. 247.

[101] (RE) Kubitschek.

[102] (RE) Thor v. Waldstein. »Zum politischen Widerstandsrecht der Deutschen« (25. Oktober 2015). Online abrufbar unter https://sezession.de/wp-content/uploads/2015/10/widerstandsrecht-waldstein1.pdf. S. 15.

[103] (RE) v. Waldstein S. 26.

[104] V. Waldstein geht sogar soweit, in Fallbeispielen die Umzingelung des Kanzleramtes mit Fackeln und Heugabeln (er nennt das »Lichterkette« und »Sprechchöre«) als legitimes Mittel zum Widerstand zu bezeichnen und auch eine »[Menschenkette] an der Grenze, [um] […] dadurch den Grenzübertritt Illegaler« zu verhindern, als gerechtfertigtes Mittel des Widerstands zu bezeichnen ((RE) v. Waldstein S. 33).

[105] Arendt S. 247.

[106] Besonders drastisch fand diese Enthemmung in sozialen Medien statt. Hier ist es heute keine Seltenheit, dass extrem Rechte pauschale Morddrohungen gegen Muslime*a, Antifaschisten*innen und (vermeintliche) Jüdinnen*Juden aussprechen.

[107] Elias S. 403.

[108] Elias S. 404.

[109] Elias S. 405.

[110] Elias S. 406.

[111] Elias S. 406.

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Animal Liberation war niemals genug!

Ein Beitrag des Projekts Radical Biocentrism in Die Lifestyleanarchist*in Nr. 1, 2017. Der Artikel wurde zuerst hier veröffentlicht.

Herrschaftsverhältnisse existieren nicht nur zwischen Menschen, sie prägen auch das Verhältnis zwischen Menschen und anderen Lebewesen, ebenso wie das Verhältnis anderer Lebewesen untereinander. Die Vorherrschaft der menschlichen Spezies über andere Lebewesen wurde in der christlichen Tradition, ebenso wie in vielen anderen Gesellschaften als eine gottgegebene Sonderstellung des Menschen, der von Natur aus zum*r Herrscher*in über „die Natur“ auserkoren sei, interpretiert. Damit wurde dieses Herrschaftsverhältnis kulturell verfestigt. Bis heute behaupten folgerichtig auch Atheist*innen der Mensch habe eine Vorrangstellung vor anderen Lebewesen und rechtfertigen damit diverse Herrschaftsverhältnisse, in denen der Mensch andere Lebewesen unterwirft.

Als Anarchist*innen jedoch dürfen wir auch Herrschaftsverhältnisse, die zwischen Lebewesen unserer Spezies und den Lebewesen anderer Spezies bestehen, nicht ignorieren. Einerseits – und das ist ein anthropozentristisches Argument – lässt sich eine herrschaftsfreie Gesellschaft, deren Mitglieder ihr (Über-)leben auf ihrer Herrschaft über andere Lebewesen gründen, nur schwer denken. Andererseits gilt es auch die Angehörigen anderer Spezies von der Unterdrückung durch andere Lebewesen, insbesondere die durch „uns Menschen“, zu befreien.

Auch wenn es durchaus sinnvolle anarchistische Kämpfe gegen derartige Herrschaftsverhältnisse gibt, ist jüngst zunehmend stärker zu beobachten, wie sich solche Bestrebungen in einer Sackgasse verlaufen, in der Herrschaftskritik zur Ideologie verkommt und sich die Mittel zur Überwindung von Herrschaft an marktwirtschaftlichen Vorstellungen orientieren. Die Rede ist von politischem Veganismus. Gemeint ist nicht etwa Veganismus an sich, wenn er als persönliche Entscheidung betrachtet und gelebt wird. Gemeint ist die Propagierung des Veganismus als politische Boykottbewegung, in der vegane Lebensweisen als wirksamstes Mittel im Kampf gegen die Unterdrückung anderer Lebewesen propagiert wird und zum Teil auch Menschen, die sich nicht vegan ernähren, pauschal als ignorant gegenüber diesem Herrschaftsverhältnis, verunglimpft werden.

Wie jede Boykottbewegung gründet sich die Vorstellung, Veganismus könne das Herrschaftsverhältnis zwischen Menschen und Tieren aufheben, auf die weit verbreitete, aber dennoch falsche Vorstellung, dass die Nachfrage nach einem Produkt das Angebot bestimme. Tatsächlich wird auch Fleisch, für Milch und Eier gilt das analog, heute nicht mehr der Nachfrage gemäß produziert, sondern ebenso wie andere Waren, beispielsweise Autos, wird so produziert, dass die Fixkosten möglichst gering gehalten werden können und so die Gewinne möglichst groß sind. Das bedeutet, dass durch einen Boykott von tierischen Produkten im Ausmaß der Zahl der Vegetarier*innen und Veganer*innen die Zahl der unterdrückten Tiere quasi nicht verändert wird. Eher werden die Preise aufgrund des noch größer werdenden Überangebots weiter nach unten gedrückt. Kleinere Betriebe und vor allem solche, die mehr Wert auf Haltungsbedingungen legen, können so noch weniger bestehen. Das soll natürlich auch nicht umgekehrt bedeuten, dass der „bewusste“ Konsum von tierischen Produkten zu einer Aufhebung des Herrschaftsverhältnisses zwischen Mensch und Tier führen kann, Zahlreiche Green-washing Labels zeugen davon, dass auch das nur eine Farce ist.

Statt sich also in den Mitteln des eigenen Protests gegen die Unterdrückung von Tieren auf die marktwirtschaftlichen Mythen des kapitalistischen Systems zu verlassen, müssen Wege gefunden werden, eben jenes System zu durchbrechen.

Und doch sind es nicht die Mittel des politischen Veganismus, die in diesem Artikel im Zentrum der Kritik stehen sollen. Vielmehr soll auf die speziesistischen Ansichten, die dem politischen Veganismus zugrunde liegen, eingegangen und die daraus entstandene Ideologie näher untersucht werden.

Die Herrschaft der menschlichen Spezies über andere Lebewesen betrifft nicht nur tierische Lebewesen, sondern ebenso auch pflanzliche Lebewesen. Ebenso wie Tiere dienen den Menschen auch Pflanzen zur Nahrung und werden zu diesem Zweck gezüchtet, in Massenaufzucht angebaut und schließlich geerntet, was in vielen Fällen den Tod der Pflanze bedeutet. Interessen von Pflanzen spielen, ebensowenig wie die der in Mastanlagen gehaltenen Tiere, keine Rolle. Es geht schlichtweg darum. Nahrungsmittel, Baustoffe oder andere Wertstoffe zu produzieren, also ausschließlich darum, Menschen nützlich zu sein.

Zunächst einmal gibt es also keinen Grund, zwischen der Herrschaft über pflanzliche Lebewesen und der Herrschaft über tierische Lebewesen zu differenzieren, wie das durch den politischen Veganismus getan wird. Dass das dennoch passiert, ist wohl den pathozentrischen und/oder utilitaristischen Einflüssen geschuldet: Während einige Anhänger*innen des politischen Veganismus argumentieren, die Tatsache, dass Tiere erwiesenermaßen als „leidensfähig“ gelten, eine „Leidensfähigkeit“ bei Pflanzen bislang jedoch nicht nachgewiesen werden konnte, argumentieren viele Veganer*innen damit, dass zur Ernährung von Tieren ebenfalls Pflanzen angebaut werden müssen. Insgesamt würden tierische Produkte daher größeres Leid auslösen, als pflanzliche Produkte.

Beide Argumente sind zumindest kritisch zu bewerten. Die Tatsache, dass wir nicht sagen können, ob Pflanzen leidensfähig sind, bedeutet schließlich nicht, dass sie es nicht sind. Die Wissenschaft war, ist und wird niemals frei von Fehlern sein. Sich also auf eine in der Wissenschaft herrschende Annahme, dass Pflanzen nämlich nicht leidensfähig seien, zu stützen und damit die Unterwerfung dieser Lebewesen zu rechtfertigen, erscheint mehr als fragwürdig. Überhaupt: Warum wird die Leidensfähigkeit eines Lebewesens so sehr ins Zentrum gerückt? Immerhin ist das eine sehr anthropozentrische Vorstellung, davon auszugehen, dass Leid und Leidensfähigkeit das zentrale Kriterium dafür ist, ob die Unterdrückung eines Lebewesens moralisch vertretbar ist, oder nicht.

Ähnlich kritisch ist auch das utilitaristische Argument zu sehen, dass zur Herstellung tierischer Produkte durch die zur Versorgung der tierischen Lebewesen mit Nahrungsmitteln notwendige Produktion pflanzlicher Produkte, insgesamt mehr Leid entstehen würde. Einerseits gilt das natürlich nur, wenn mensch davon ausgeht, dass die in Massenhaltung lebenden, tierischen Lebewesen ohne Zutun des Menschen nicht existieren würden und sich diejenigen frei lebenden Arten, die jeweils in Quoten zum Abschuss frei gegeben werden, nicht überproportional vermehren würden. Immerhin, tendenziell scheint diese Annahme realistisch zu sein. Andererseits jedoch – und das ist der hochproblematische Aspekt dieses Arguments – werden dabei die Individuen, die den vom Menschen angebauten, pflanzlichen Spezies angehören, als notwendiges Übel zugunsten einer Art Gemeinwohl unterdrückt und diskriminiert. Die Interessen bestimmter Individuuen werden damit den Interessen einer Gemeinschaft untergeordnet. Derartige Abwägungen sind nicht umsonst verpöhnt! Mit anderen Worten ließe sich hier von einem Speziesismus der politischen Veganer*innen gegenüber pflanzlichen Lebewesen sprechen.
Der ideologische Charakter des politischen Veganismus gründet sich dabei auf die Tatsache, dass selbiger diesen Speziesismus als eine Lösung oder wenigstens einen Fortschritt im Hinblick auf die Unterdrückung von anderen Lebewesen durch die Menschen vorschlägt. Worin dieser Vorschlag jedoch besteht ist weniger eine Lösung, als eine Verlagerung der Problemdimension. Statt tierischen Lebewesen sollen, wenn es nach politischen Veganer*innen geht, zukünftig nur noch pflanzliche Lebewesen unterdrückt werden.

Bei all dieser Kritik am politischen Veganismus soll dieser Text jedoch keineswegs die Unterdrückung tierischer Lebewesen verharmlosen oder als berechtigt darstellen. Vielmehr geht es darum, einen Perspektivenwechsel in der Kritik der Herrschaft der Menschen über andere Lebewesen vorzuschlagen. Die Unterdrückung anderer Lebewesen durch den Menschen muss also aus einer herrschaftskritischen Perspektive neu analysiert werden, denn während sich gegen die Unterdrückung tierischer Lebewesen durchaus Protest, der herrschaftskritisch geprägt und mit dem Ziel des Schutzes aller Individuen praktiziert wurde, entwickelt hat, ist der viel seltenere Protest gegen die Unterdrückung pflanzlicher Lebewesen zumeist mitnichten herrschaftskritisch und noch seltener mit dem Ziel des Schutzes aller Individuen organisiert. Es geht vielmehr darum, Arten zu erhalten, „Naturdenkmäler“ zu bewahren oder besonders imposante Pflanzen zu schützen, wenn die Argumentation nicht ohnehin rein anthropozentrisch geprägt ist oder eine verklärte „Natur“ zu bewahren sucht.

Mit Blick auf die sogenannte „Animal Liberation“-Bewegung ist also ein weiteres anarchistisches Aktionsfeld in der Befreiung der pflanzlichen Lebewesen vor menschlicher Unterdrückung zu suchen. Dabei gilt es eine generelle Kritik der Unterdrückung von Lebewesen zu entwickeln und mögliche Umgangsformen mit bestehenden Unterdrückungsverhältnissen gegenüber anderen Lebewesen auszuloten.

Natürlich darf dabei nicht vergessen werden, dass die Herrschaftsverhältnisse des Menschen über andere Lebewesen soweit manifestiert sind, dass eine Gewährleistung der Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln auf herrschaftsfreiem Wege derzeit nicht vorstellbar ist. Diese Einsicht sollte jedoch keineswegs dazu führen, dieses Thema in der anarchistischen Praxis zu vernachlässigen, sondern vielmehr dazu anregen, sich mit größerem Engagement den Herausforderungen herrschaftsfreier Verhältnisse zwischen Menschen und anderen Lebewesen zu widmen.

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Call for Papers 01/2017

Im September soll endlich die erste Ausgabe des Magazins „Die Lifestyleanarchist*in“ erscheinen. Zum Einstieg wollen wir uns mit „anarchistischen Aktionsfeldern“ beschäftigen: Welche Themen sollen in der täglichen anarchistischen Arbeit behandelt werden, welche Themen kommen zu kurz, wo seht ihr jeweils die Perspektiven anarchistischen Engagements? Welche Ansätze und Aktionsformen sind denkbar?

Schickt uns eigene und fremde Texte (bitte mit Hinweis auf das Original), die ihr zu diesem Thema für lesenswert haltet möglichst bis zum 31. August. Selbstverständlich könnt ihr uns auch Artikel, Comics, Bilder, Rezepte, Veranstaltungshinweise und was euch sonst noch so einfällt zu anderen Themen, die euch am Herzen liegen, zusenden.

Wir freuen uns auf eure Beiträge!